Pernilla Kannapinn lebt die eine Hälfte des Jahres für ihre Musik und ihre Community. Die andere Hälfte zieht sie sich zur Regeneration und Ideensammlung zurück. Ein Besuch auf einem Parkplatz.
Text: Wolfgang Weitzdörfer
Wenn man sich dem Phänomen Pernilla Kannapinn zu nähern versucht, dann sollte man sich darauf einstellen, dass sie nicht „mal eben“ zu erfassen ist. Es gibt viele Begriffe, die einem zu der jungen Musikerin einfallen – einige davon wirft sie im Gespräch in ihrem „Schneckenhaus“, dem umgebauten Transporter, mit dem sie die warme Hälfte des Jahres unterwegs ist und der auf einem Parkplatz in Remscheid Station macht, selbst in den Raum. „Paradiesvogel“ ist einer. „Ich habe in der Schule schon früh nicht so gut in meine Klasse gepasst, war so ein bisschen paradiesvogelmäßig unterwegs“, sagt sie etwa. „Zeitlos“ ist ein anderer. Die Musikerin sagt von sich und ihrem kleinen Hund, dass sie genau das seien – und verrät ihr Alter nicht mehr. „Ich erlebe es oft, dass man daran bemessen wird, wann man im Leben mit etwas angefangen hat – etwa ich mit dem Geigespielen. ‚Ah, sie hat schon dann und dann damit angefangen …‘ Man wird immer so schnell in Schubladen gesteckt – und ich bin doch so allergisch gegen Schubladen“, meint sie lachend.
„Ich bin allergisch gegen Schubladen.“
Noch so ein Begriff ist „freiheitsliebend“. Und der wird schon dadurch erklärt, dass sie 2018, als sie ihren Führerschein macht, beschließt, fortan als reisende Musikerin auf den Straßen unterwegs zu sein. Davor hat sie Musik studiert – „Rockgeige in den Niederlanden und in Griechenland“ –, ein Kompromiss, mit dem ihre Eltern „mit ganz viel Augenzudrücken“ noch leben können. Schon davor ist das Leben der jungen Frau anders als die der meisten – viele Umzüge von Berlin über das Ruhrgebiet nach Bayern, ehe es mit fünfzehn nach Frankreich geht zu einem Auslandsjahr. „Dort bin ich relativ schnell erwachsen geworden, es gab einen Trauerfall in meiner Gastfamilie. Danach wollte ich nicht wieder zurück in meine Klasse“, erzählt sie. Als nächstes geht es nach Irland zu ihrer Schwester. „Die lebte schon dort und war dann quasi meine Erziehungsberechtigte.“
In Irland macht Pernilla Kannapinn viel Straßenmusik, fängt damit an, als sie noch eine katholische Mädchenschule besucht. „Als ich fertig mit der Schule war, habe ich bis zum Studium weiter Straßenmusik gemacht. Und danach war ich dann eh erst mal auf dem Planeten Musik“, antwortet sie auf die Frage, wann sie gemerkt hat, dass sie hauptberuflich Musikerin sein will. Also ein schleichender Prozess, wie die meistens Dinge im Leben. Wie auch die Entwicklung ihres „Schneckenhauses“. Das ist nämlich, als sie sich einen Tag nach dem Kauf auf den Weg zu ihrem ersten Konzert in den Niederlanden macht, noch ein kahler, leerer Van, in dem sie eine Hängematte spannt und am Abend nach der Ankunft bei Wein und Kerzen ihre neue Freiheit als reisende Musikerin genießt.
Heute ist der Van zwar vielleicht noch nicht fertig, aber dafür permanent in Weiterentwicklung und unfassbar gemütlich. Ein Bett, ein Deckenlicht, fließendes Wasser aus dem Kanister, eine Kochplatte, ein Schrank und jede Menge liebevoller, kleiner Details, die ein Leben erzählen.
Pernilla Kannapinn ist ein unglaublich herzlicher Mensch – mit einem Plan. „Ich habe mir damals ein Jahr gegeben, um ein Programm zu schreiben, ein Album aufzunehmen, Geld zu verdienen für meinen Van, eine Tour zu planen und Konzerte zu geben – und das hat geklappt“, sagt sie. Dann verlässt sie die Sicherheit ihres Grundschullehrerinnenjobs, steigt in ihren Van und fährt los. „Es war ein hartes Jahr, aber es hat sich gelohnt.“ Sie strahlt mit ihren blonden Dreadlocks um die Wette.
Man merkt ihr die Lebensfreude und positive Stimmung an, die sie gerne auch zurückgibt. An ihre Community, die sie „Wesen“ nennt. Passend dazu veranstaltet sie neben den vielen Konzerten, die sie zwischen Mai und Oktober gibt, zweimal im Jahr „Wesentreffen“ im Wald oder auf Wiesen. „Da geht es um das Miteinander, es gibt kein Konzert, sondern wir verbringen Zeit miteinander“, erläutert sie.
Pernilla Kannapinn lebt tatsächlich zwei Leben. Wenn die letzten Konzerte Ende Oktober gespielt sind, zieht sie sich in ein Häuschen zurück, geht quasi in den Winterschlaf. „Es ist immer wieder eine Herausforderung, von einem ins andere zu gelangen, aber ich brauche beides“, sagt sie. Auch wenn die Musikerin völlig alternativ unterwegs zu sein scheint, nutzt sie doch intensiv die sozialen Medien. „Man hört jeden Tag von mir, ich poste gerne Storys, die nicht viel Arbeit machen, oft auch spontan aus dem Van“, sagt sie. Aufwendigere Videos, die geschnitten und produziert werden müssen, macht sie im Winter. „Ich hab einen fetten Gamer-PC, mit dem ich das mache. Und der frisst so viel Strom, dass meine Autobatterie direkt leer wäre“, meint sie lachend.
Jetzt ist also die Zeit, in der es zumindest nach außen hin eher ruhiger zugeht. Aber man darf gespannt sein, wie Pernilla Kannapinn das nächste Jahr gestalten wird. Kreativität und Ideenreichtum genug hat sie ganz sicher – wie man im Frühjahr auf ihrem neuen Album Struppige Zeiten – Zum Lieben gemacht nachhören können wird. Es bleibt also weiter spannend.
www.instagram.com/pernillakannapinn
Aktuelles Album:
Abandoned Abundance (Exo10 Records, 2023)









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